Burg Angern
Die um 1341 gegründete Burg Angern bewahrt in seltener Geschlossenheit die originale Bau-, Erschließungs- und Verteidigungsstruktur einer hochmittelalterlichen Wasserburg.

Die Geschichte der Burg Angern spiegelt in besonderer Weise die politischen, territorialen und sozialen Entwicklungen der Altmark vom Hochmittelalter bis in die Frühe Neuzeit wider. Die Anlage war nicht nur befestigter Herrschaftssitz und regionales Verwaltungszentrum, sondern zugleich Ausdruck territorialer Sicherungspolitik innerhalb des Erzstifts Magdeburg. Ihre Entwicklung reicht vermutlich bis in die Zeit des askanischen Landesausbaus des 12. Jahrhunderts zurück und dokumentiert den Übergang von einem frühen befestigten Adelshof zu einer komplexen spätmittelalterlichen Wasserburg mit Hauptburg, Turminsel und Vorburg.

Burg Angern Vogelperspektive

KI Rekonstruktion Burg Angern um 1343 mit Palas und Wehrturm

Frühmittelalterliche Herrschaftsbildung und askanischer Landesausbau (ab 1160)

Bereits mit Theodoricus de Angeren erscheint im Jahr 1160 erstmals ein lokales Adelsgeschlecht in den Quellen. Es wird angenommen, dass dieser im Zusammenhang mit der askanischen Landesausbaupolitik unter Albrecht dem Bären in die Altmark gelangte und in Angern einen festen Edelhof besaß. Ein solcher Edelhof bezeichnete im 12. Jahrhundert keinen einfachen Wirtschaftshof, sondern einen dauerhaft etablierten Herrschaftssitz mit Verwaltungs-, Wirtschafts- und Kontrollfunktion, der wahrscheinlich bereits befestigte Strukturen aufwies. Der askanische Landesausbau (12. und 13. Jahrhundert) in der Mark Brandenburg war eine strategische, zielgerichtete Kolonisations- und Ansiedlungspolitik, die von Albrecht dem Bären begründet und besonders von den Markgrafen Johann I. und Otto III. vorangetrieben wurde. Kern der Politik war die Sicherung, wirtschaftliche Erschließung und Verwaltung des Herrschaftsgebiets.

Phasen Entwicklung Turminsel

Vor dem Hintergrund der strategisch günstigen Niederungslage (vgl. Hydrologische und geostrategische Rahmenbedingungen) erscheint es daher wahrscheinlich, dass am Standort der späteren Burg bereits im Hochmittelalter ein befestigter Adelssitz bestand. Die um 1340 ausgebaute Wasserburg wäre in diesem Fall nicht als vollständiger Neubau, sondern als Erweiterung und Überformung eines älteren Wehr- und Herrschaftskerns zu verstehen. Besonders die funktionale Eigenständigkeit der Turminsel, die massive Wehrarchitektur des Turmerdgeschosses (vgl. Befunde F1-F6) und des benachbarten Kerngebäudes (vgl. Befunde G0-G6) sowie die autonome Wasser- und Versorgungsstruktur sprechen für eine ältere Kernbefestigung innerhalb der späteren Gesamtanlage (vgl. Hypothese eines älteren Wehrkerns).

Frühe Lehnsträger und strategische Bedeutung (seit 1343)

Ab dem 14. Jahrhundert lassen sich zahlreiche Wechsel der Lehnsträger, Verpfändungen und Erbteilungen nachweisen, die sowohl die politische Instabilität der Landesherrschaft als auch die wirtschaftlichen Interessen des Adels spiegeln. Besonders die spätere Übernahme durch die Familie von der Schulenburg und deren interne Aufteilung des Besitzes dokumentieren eindrücklich die Auswirkungen des agnatischen Lehnrechts und der spätmittelalterlichen Pfandpraxis innerhalb des Erzstifts Magdeburg.

Erstmals wird die Burg im Jahr 1343 als Besitz des Gerlof von Brunhorcz (auch Brunhorst) erwähnt. Bereits 1363 erscheint Lüdecke von Grieben als Lehnsträger. Er war vermutlich kein Angehöriger der hochadeligen Familie von Grieben, sondern ein Ministerialer, der deren Namen angenommen hatte – ein im Spätmittelalter verbreitetes Phänomen zur Markierung sozialer Bindungen und Schutzverhältnisse gegenüber bedeutenderen Adelsfamilien. 1370 sind Lüdecke von Grieben sowie zwei Söhne des Ritters Jakob von Eichendorf gemeinsam mit der Burg Angern belehnt. Diese Konstellation verweist auf die im spätmittelalterlichen Lehnswesen verbreitete Praxis mehrfacher Mitbelehnungen und gemeinsamer Verantwortung für strategisch bedeutende Grenz- und Verwaltungsburgen innerhalb des Erzstifts Magdeburg.

Raubrittertum

Die Geschichte von Gebhard von Alvensleben auf der Burg Angern veranschaulicht exemplarisch die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Spannungen des späten 14. Jahrhunderts in Mitteldeutschland. Als Wasserburg mit einer zweigeteilten Struktur – Hauptburg und separater Turminsel – war sie ideal für Verteidigung und Machtdemonstration ausgelegt. In dieser Situation nutzte Gebhard von Alvensleben, der ab 1373 als Lehnsherr auftrat, die Burg nicht im Sinne landesherrlicher Stabilität, sondern als Basis für wiederholte Übergriffe auf Magdeburger Kaufleute. Er missbrauchte das Fehderecht zur persönlichen Bereicherung und trug damit zum Bild des “Raubritters” bei – einer Erscheinung, die in einer Zeit schwacher zentraler Gewalt vielerorts auftrat.

Die Reaktion folgte 1382 durch die aufstrebende städtische Macht Magdeburgs: Bürger der Stadt belagerten die Burg Angern erfolgreich und zwangen Gebhard zur Übergabe gegen eine Zahlung von 400 Mark Silber - umgerechnet etwa 700.000 Euro an heutiger Kaufkraft. Zwei Jahre später wurde die Anlage durch den neuen Erzbischof Albrecht IV. übernommen und in kirchlichen Besitz überführt. Dieses Ereignis spiegelt nicht nur die zunehmende Durchsetzungskraft städtischer Interessen gegenüber dem regionalen Adel wider, sondern zeigt auch, wie die Funktion von Burgen im ausgehenden Mittelalter zunehmend zwischen territorialem Herrschaftsinstrument, wirtschaftlichem Kontrollpunkt und Rückzugsort in Adelsfehden oszillierte. Die Burg Angern wurde so zum Schauplatz eines Machtwechsels, der die sich wandelnden Kräfteverhältnisse zwischen Adel, Kirche und Stadt im Spätmittelalter eindrücklich bezeugt. Gleichzeitig verdeutlicht der Vorfall, welche zentrale Rolle die Burg als Kontrollpunkt an einer wirtschaftlich sensiblen Verkehrsachse spielte – sowohl für adlige Eigeninteressen als auch für die territoriale Sicherung kirchlicher Herrschaft.

Pfandschaften und politische Instabilität (1391–1448)

In den folgenden Jahrzehnten wurde die Burg mehrfach verpfändet – ein Hinweis auf die angespannte finanzielle Lage sowohl des Erzstifts als auch einzelner Lehnsträger. 1391 wurde Angern von Hermann von Standorf ausgelöst, jedoch bereits 1392 an Henning von Rengerslage für 800 Böhmische Gulden erneut verpfändet. Im Jahr 1403 erlangte Erzbischof Günter II. von Schwarzburg die Kontrolle über die Burg zurück, indem er sie von den Gebrüdern Albrecht und Cuno von Rengerslage einlöste. 1411 ging die Anlage als Pfand an Sander von Hermersdorf, der sie 1424 gegen 400 Rheinische Gulden an Margarethe und Diether von Zerbst sowie an die Ritter Bernhard und Werner von der Schulenburg übergab. Diese vielfachen Pfandübertragungen und Einlösungen verdeutlichen, wie selbst formal unfreie Lehen im Spätmittelalter faktisch als wirtschaftlich verwertbare Objekte behandelt wurden. Die Burg Angern diente dabei immer wieder als politisches und finanzielles Sicherungsinstrument innerhalb eines zunehmend flexiblen und instabilen Lehenssystems.

Pfandlehen waren im Spätmittelalter ein verbreitetes Instrument zur temporären Überlassung von Nutzungsrechten an Burgen, Dörfern oder Gerichten, ohne das Lehensverhältnis formell aufzugeben. Die Lehnshoheit blieb beim Landesherrn (hier dem Erzstift Magdeburg), während der Pfandnehmer gegen Zahlung einer Geldsumme die Einkünfte und die faktische Kontrolle über das Objekt erhielt. Diese Praxis diente häufig der kurzfristigen Liquiditätsbeschaffung durch Landesherren oder hoch verschuldete Vasallen. Die rechtliche Trennung zwischen Lehen und Pfandrecht wurde dabei zunehmend aufgeweicht, sodass Pfandobjekte wie Angern faktisch wie veräußerliches Eigentum behandelt wurden – mit Zustimmung oder stillschweigender Duldung des Lehnsherrn. Vgl. dazu exemplarisch: Stefan Weiß, Lehnswesen und Pfandsystem im späten Mittelalter, in: Zeitschrift für historische Rechtsforschung 48 (2012), S. 127–153.

Dauerhafte Belehnung an die Familie von der Schulenburg (ab 1448)

In den folgenden Jahrzehnten wechselte die Burg Angern mehrfach den Besitzer. Erst 1448 wurde die Burg durch Lehnbrief des Erzbischofs Friedrich III. von Beichlingen dauerhaft an die Familie von der Schulenburg vergeben. Drei Söhne des Fritz (I) von der Schulenburg auf Beetzendorf - Busso, Bernhard und Matthias von der Schulenburg – wurden gemeinsam „zu rechtem männlichen Lehen“ mit der Anlage belehnt. Diese Formulierung bedeutete eine erblich-dynastische Belehnung in männlicher Linie, wie sie im späten Mittelalter zunehmend zur Sicherung familiärer Besitzkontinuität verwendet wurde. Die Brüder teilten das Lehen unter sich auf: Busso erhielt das Gut Vergunst, während Bernhard und Matthias die Burg Angern als gemeinsamen Wohnsitz nutzten, dabei jedoch getrennte Wirtschaftsbereiche (Gutshöfe) unterhielten. Aus dieser Aufteilung gingen im 15. Jahrhundert mehrere Linien der Familie des sogenannten „weißen Stammes“ hervor, die bis in die Frühe Neuzeit unterschiedliche Zweige in Angern und Umgebung repräsentierten. Im weiteren Verlauf der Jahrhunderte blieb die Burg im Besitz wechselnder Mitglieder dieser Familie, wobei sich Eigentumsrechte, Nutzungen und Wohnverhältnisse je nach Erbgang, Teilung oder Schuldenlage mehrfach verschoben.

Innenhof Burg Angern 1350

Digitale Rekonstruktion des Innenhofes der Burg Angern um 1340 mit Palas und Wehrmauer

Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg (1631)

Im Sommer 1631 wurde die Burg Angern im Zuge der Kampfhandlungen nach der Zerstörung Magdeburgs während des Dreißigjährigen Krieg schwer beschädigt. In einem nächtlichen Angriff wurde sie durch das berüchtigte Holksche Regiment unter Heinrich von Holk überfallen und niedergebrannt. Der Brand vernichtete große Teile des Dorfes Angern und der Burg; lediglich das Pforthäuschen, ein Viehstall ohne Dach und das Brauhaus blieben stark beschädigt erhalten (Dorfchronik Angern). Der 8-geschossige Turm, wurde beschädigt, aber erste im Jahr 1738 im Zuge des Neubaus des Schlosses durch Christoph Daniel bis zum Erdgeschoss abgetragen. Auf dem sumpfigen Gelände des heutigen Parks wurden nach dem Angriff Tote, Kugeln und Rüstungsteile gefunden – ein Hinweis auf ein gewaltsames Gefecht (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 444). Auch die wirtschaftliche Infrastruktur Angerns wurde dauerhaft geschädigt: Die zuvor bestehenden Jahr- und Wochenmärkte kamen infolge der Zerstörung zum Erliegen. Holk war bereits im Jahr 1630 in der Altmark aktiv und setzte nach dem Fall Magdeburgs seine brandschatzenden Operationen in der Region fort, wie mehrere zeitgenössische Berichte belegen.

Übergangsphase: Ruine, Aufmauerung und Zwischenlösung (1631–1735)

Nach dem Abzug der Truppen begann ein langsamer und fragmentarischer Wiederaufbau, der sich offenbar über mehrere Jahrzehnte hinzog. Ab 1631 wurde die stark beschädigte Ringmauer der Hauptburg (vgl. Befunde E1 bis E4) abschnittsweise mit Ziegeln aufgemauert. Zusätzlich entstanden neuzeitliche Fenster (vgl. Befund E5 und E6) und offenbar damit verbunden auch mehrere Anbauten entlang der Innenseite der Ringmauer, wie heute noch am südöstlichen und westlichen Mauerabschnitt über dem originalen Bruchsteinsockel sichtbar ist. Diese Anbauten, in Kombination mit den beiden erhaltenen Erdgeschossgewölben des Palas (vgl. Befunde A1-A6) sowie die Reste des Bergfrieds (vgl. Befund F1-F4) sowie ein wirtschaftlich genutztes Nebengebäude mit Brunnenanschluss (vgl. Befunde G1-G6) dienten offenbar als provisorische Wohn- und Wirtschaftsbereiche, die während des Übergangs bis zum ersten barocken Neubau auf der Turminsel genutzt wurden.

burg-angern-ostseite

Mauerbefund an der Südostseite der Hauptburg Angern: Bruchsteinsockel (um 1340) mit späterer Ziegelüberhöhung

Neubau Wohnhaus 1680

Digitale Rekonstruktion des Wohnhauses mit Wehrturm Stumpf und Turmzimmer um 1680

Familie und Besitzsicherung in der Nachkriegszeit (1637–1650)

Der damalige Besitzer Henning III. von der Schulenburg (*1587–†1637) verblieb trotz der schweren Kriegsverwüstungen bis zu seinem Tod in Angern. In dieser Zeit soll er zeitweise seinen älteren Bruder Matthias V. von der Schulenburg (*1578–†1656) bei sich aufgenommen haben, der als Herr auf Beetzendorf und Altenhausen eine zentrale Rolle bei der Verwaltung des weitverzweigten Familienbesitzes während des Dreißigjährigen Krieges spielte. Nach dem Tod ihres Vaters Daniel I. von der Schulenburg hatten beide Brüder zunächst gemeinsam die Güter verwaltet, ehe sie diese aufteilten: Henning erhielt unter anderem Angern, Falkenberg, Kehnert und Schricke, während Matthias die Besitzungen Beetzendorf, Altenhausen, Emden und Hohenwarsleben übernahm.

Der Zustand der Burg im Jahr 1650

Nach dem Ende der Kampfhandlungen trat sein Sohn Heinrich XI. von der Schulenburg (*1621 †1691) das Erbe an. Im Jahr 1650 wurde die Kirchenvisitation im Haus Heinrichs XI. abgehalten, was auf eine zumindest provisorische Wiederbewohnung der Anlage hindeutet. Die bauliche Substanz war jedoch stark beschädigt. Besonders der alte Turm – vermutlich der mehrgeschossige mittelalterliche Bergfried – hatte zwar die Zerstörung von 1631 überstanden, wurde aber als statistisch gefährdet und kaum instandsetzbar beschrieben. Die Dorfchronik berichtet:

„Worinne zwar viel Zimmer erbauet, allenthalben aber derselbe absonderlich im Fundament sehr baufällig und viel zur Reparatur kosten möchte, auch dem Besitzer fast mehr schädlich als zuträglich.“

Diese Einschätzung verdeutlicht, dass der Turm zu diesem Zeitpunkt zwar noch stand, aber wegen seiner baulichen Risiken nicht mehr genutzt wurde. Damit markiert das Jahr 1650 einen Übergang: Die Burg war nicht mehr befestigt, aber auch noch nicht barock überformt – sie existierte als beschädigte, jedoch teilweise genutzte Ruinenanlage, in der einzelne Bauteile wie Keller, Stuben oder das Brauhaus weiterhin funktional waren.

Quellen

  • Brigitte Kofahl: Dorfchronik Angern
  • Gutsarchiv Angern, Rep. H Angern Nr. 412, 444
  • Ziesemer, Ernst: Die mittelalterlichen Burgen der Altmark. Magdeburg 1994
  • Boockmann, Hartmut: Die Burgen im deutschen Sprachraum. München 2002
  • Lehnsakten des Erzstifts Magdeburg, 14.–15. Jahrhundert
Nach der Zerstörung der Burganlage von Angern im Dreißigjährigen Krieg im Sommer 1631 durch den Einfall des Holk'schen Regiments blieben offenbar wesentliche massive Baustrukturen erhalten, darunter das Erdgeschoss des Palas, der alte Turm mit mehreren Geschossebenen sowie die tonnengewölbten Räume im Bereich der Turminsel. Auf Grundlage dieser Restsubstanz entstand spätestens nach dem Rückerwerb des Besitzes 1680 ein schlichter Wohn- und Wirtschaftsbestand, der baulich und funktional zwischen ruinöser Burganlage und späterem barockem Schloss vermittelt. Die archivalisch überlieferte Anlage umfasste drei Hauptbestandteile: ein zweigeschossiges Haupthaus, ein einstöckiges Nebengebäude und den dazwischenstehenden Rest des alten Turms . Der Turm hatte seine ursprüngliche Wehrfunktion verloren, blieb jedoch als baulicher und räumlicher Bestandteil des Ensembles erhalten und enthielt weiterhin nutzbare Räume, darunter mindestens eine beheizbare Stube. Digitale Rekonstruktion des Wohnhauses auf mittelalterlicher Burgsubstanz mit erhaltenem Turmrest.
Im 14. Jahrhundert war die Altmark ein Raum konkurrierender Herrschaftsansprüche. Die Markgrafen von Brandenburg, das Erzstift Magdeburg sowie einflussreiche Adelsfamilien wie die von Alvensleben und von Grieben rangen um Besitzrechte, Lehnsbindungen und lokale Machtstellungen. Diese politische Konstellation führte zu einer Verdichtung von Befestigungsanlagen, die sowohl militärischen als auch administrativen Zwecken dienten. Digitale Rekonstruktion der Burg Angern um 1340 mit Hauptburg und Turminsel
Die Geschichte der Burg Angern spiegelt in besonderer Weise die politischen, territorialen und sozialen Entwicklungen der Altmark vom Hochmittelalter bis in die Frühe Neuzeit wider. Die Anlage war nicht nur befestigter Herrschaftssitz und regionales Verwaltungszentrum, sondern zugleich Ausdruck territorialer Sicherungspolitik innerhalb des Erzstifts Magdeburg. Ihre Entwicklung reicht vermutlich bis in die Zeit des askanischen Landesausbaus des 12. Jahrhunderts zurück und dokumentiert den Übergang von einem frühen befestigten Adelshof zu einer komplexen spätmittelalterlichen Wasserburg mit Hauptburg, Turminsel und Vorburg. KI Rekonstruktion Burg Angern um 1343 mit Palas und Wehrturm
Dieser Rundgang durch die Burg Angern um das Jahr 1340 basiert auf einer sorgfältigen Rekonstruktion historischer Quellen, archäologischer Befunde und baugeschichtlicher Analysen. Alle Szenen, Räume und Details wurden unter Berücksichtigung realer Gegebenheiten der mittelalterlichen Anlage entwickelt – etwa der erhaltenen Tonnengewölbe, der typischen Bauweise von Palas, Bergfried und Wirtschaftsflügeln sowie Hinweise aus Inventaren und schriftlichen Überlieferungen. Ziel ist es, nicht nur die äußere Gestalt, sondern auch die Atmosphäre und Lebenswelt einer spätmittelalterlichen Burg erlebbar zu machen – so nah wie möglich an der historischen Realität, doch mit erzählerischer Tiefe. Die Bilder zeigen fotorealistische Rekonstruktionen der Burg Angern um 1350. Sie basieren auf archäologischen Befunden, historischen Quellen und vergleichbarer Bausubstanz – realitätsnah umgesetzt mit KI-Technik.
Die Burg Angern als erhaltene Niederungsburg des 14. Jahrhunderts in der Altmark. Die Burg Angern gehört zu den wenigen Niederungsburgen Norddeutschlands, bei denen wesentliche Teile der mittelalterlichen Kernsubstanz bis heute erhalten geblieben sind. Neben der weiterhin klar nachvollziehbaren Gliederung in Hauptburg, Turminsel und Vorburg besitzen insbesondere die tonnengewölbten Untergeschosse des Palas, die Binnenerschließung der Hauptburg, der Wehrturm der Turminsel sowie die wassergebundene Gesamtstruktur eine außergewöhnliche bauhistorische Aussagekraft. Die Verbindung von erhaltener Bausubstanz, topographischer Lesbarkeit und archivalischer Überlieferung erlaubt ungewöhnlich dichte Einblicke in Aufbau, Nutzung und Entwicklung einer hochmittelalterlichen Niederungsburg der Altmark. Die besondere wissenschaftliche Bedeutung der Burg Angern liegt dabei weniger im Erhalt einzelner Baukörper als in der außergewöhnlich guten Nachvollziehbarkeit ihrer ursprünglichen räumlichen Organisationsstruktur. Übersicht der Kapitel 1. Forschungsstand und Zielsetzung 2. Topografie, Lage und Struktur der Gesamtanlage 3. Quellenlage zur Nachkriegszeit und zum baulichen Erhalt 4. Der Palas und die Hauptburg 5. Wesentliche Befunde zur Turminsel der Burg Angern 6. Wesentliche Befunde zur Wehrarchitektur und Ringmauer der Hauptburg 7. Konservierung durch fehlende Überbauung 8. Sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Kontextualisierung 9. Fazit 10. Quellen und Literatur
Die Vorburg der Burg Angern: Funktionsanalyse und historische Rekonstruktion unter der Annahme mittelalterlicher Vorgängermauern (ca. 1350). Die Vorburg der Burg Angern, wie sie auf einem barockzeitlichen Plan um 1760 dargestellt ist, weist eine markante rechteckige Struktur mit drei langgestreckten Wirtschaftsgebäuden und zwei freistehenden Bauten auf. Auf Grundlage architektonischer Analyse, funktionaler Einteilung sowie typologischer Vergleiche mit anderen mitteleuropäischen Burganlagen lässt sich begründet rekonstruieren, dass die barocken Gebäude auf der Struktur und dem Grundriss einer hochmittelalterlichen Vorburg basieren. Die folgenden Ausführungen widmen sich der Rekonstruktion dieser früheren Vorburg unter der Annahme eines Baubestandes aus der Zeit um 1350. Innenhof der Vorburg Angern mit Wirtschaftsgebäuden (KI-Rekonstruktion)
Die strategische Lage Angerns im Dreißigjährigen Krieg. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war Angern Sitz eines ausgedehnten Lehngutes der Familie von der Schulenburg. Der Ort lag an der Grenze zwischen dem Kurfürstentum Brandenburg sowie den geistlichen Territorien Halberstadt und Magdeburg. Diese Grenzlage verlieh der Anlage eine besondere militärische Bedeutung. Die Burg war Teil eines befestigten Ensembles aus Hauptburg, Vorburg und Turminsel. In Zeiten konfessioneller Spannungen und ständig durchziehender Truppen entwickelte sich Angern zu einem strategisch sensiblen Punkt im regionalen Machtgefüge. Digitale Rekonstruktion der erhaltenen Substanz (grün) des Palas nach dem Brandereignis im 30jährigen Krieg
Dieses Essay unternimmt den Versuch, die Lebenswirklichkeit im Dorf Angern um das Jahr 1340 nachzuzeichnen – basierend auf überlieferten Urkunden, Inventaren, Dorfordnungen und vergleichenden Regionalanalysen. Es beleuchtet die sozialen Strukturen , das wirtschaftliche Leben , den Alltag der Bevölkerung , und stellt Angern in den Kontext vergleichbarer Dörfer mit ähnlicher Herrschafts- und Wirtschaftsform. Trotz der lückenhaften Quellenlage aus dem 14. Jahrhundert erlauben spätere Ordnungen und bauliche Spuren einen aufschlussreichen Rückblick auf eine Epoche, in der feudale Macht, religiöse Ordnung und agrarische Selbstversorgung das Leben der Menschen bestimmten. Alte Dorfstrasse von Angern im Mittelalter
Angern

Angern, Sachsen-Anhalt, Landkreis Börde. Heft 20, Berlin 2023 (ISBN: 978-3-910447-06-6).
Alexander Graf von der Schulenburg, Klaus-Henning von Krosigk, Sibylle Badstübner-Gröger.
Herausgeber: Deutsche Gesellschaft e.V.
Umfang: 36 Seiten, 59 Abbildungen.