Das 15. Jahrhundert

Das 15. Jahrhundert brachte für Angern grundlegende Veränderungen. Mit dem Übergang der Burg in den Besitz der Familie von der Schulenburg begann eine Entwicklung, die den Ort über Jahrhunderte prägen sollte. Aus der landesherrlichen Burg des Erzstifts Magdeburg wurde schrittweise der Mittelpunkt einer adeligen Herrschaft mit weitreichenden Besitzungen in der Region.

Zugleich wurden in dieser Zeit die Besitzverhältnisse neu geordnet und die wirtschaftlichen Grundlagen der Herrschaft gefestigt. Die Burg Angern entwickelte sich zu einem dauerhaften Herrschafts-, Verwaltungs- und Wirtschaftszentrum, dessen Bedeutung weit über den Ort selbst hinausreichte.

1392

In den Quellen des späten 14. und frühen 15. Jahrhunderts erscheinen vor allem wechselnde Pfandinhaber der Burg und Herrschaft Angern. So werden 1392 und 1403 Angehörige der Familie von Rengerslage genannt, 1411 Sander von Hermersdorf und 1424 Dieter von Zerbst. Die wiederholten Verpfändungen verdeutlichen die finanzielle und politische Bedeutung der Anlage innerhalb des Erzstifts Magdeburg.

Am 19. März 1424 gelangten der kurfürstlich-brandenburgische Rat und Hauptmann der Altmark Bernhard (IV) von der Schulenburg sowie sein Bruder Werner gemeinsam mit Dieter von Zerbst in den Pfandbesitz der Burg Angern. Der Erzbischof Günther II. von Schwarzburg verpfändete ihnen die Anlage für 400 Rheinische Gulden. Mit diesem Vorgang begann die bis in die Gegenwart fortdauernde Verbindung der Familie von der Schulenburg mit Angern.

1448

Im 15. Jahrhundert gelangte die Burg Angern endgültig in den Besitz der Familie von der Schulenburg. Die drei Söhne des Stammvaters der sogenannten „Weißen Linie“, Fritz (I) von der Schulenburg, nämlich Busso, Bernhard und Matthias, erwarben die Burg Angern von Albrecht von Zerbst. Der Kaufpreis betrug 400 Rheinische Gulden sowie 60 alte Schock Groschen. Durch einen Lehnbrief des Erzbischofs Friedrich III. von Beichlingen wurden sie anschließend mit der Burg belehnt und erhielten das Recht der männlichen Erbfolge.

Von diesen drei Brüdern leiten sich die Hauptzweige der „Weißen Linie“ des Geschlechts von der Schulenburg ab. Busso begründete den älteren Ast, Bernhard den mittleren und Matthias den jüngeren Ast. Mit dem Erwerb der Burg Angern entstand eines der wichtigsten Zentren der Familie in der Altmark.

Bei der Aufteilung des Lehnsbesitzes im Jahr 1449 erhielt Busso von der Schulenburg den etwa 500 Meter südwestlich des Dorfes gelegenen Gutshof Vergunst. Die Nachkommen Bernhards und Matthias' teilten sich dagegen die Burg Angern und die zugehörigen Besitzungen, wobei beide Linien eigene Wirtschaftshöfe unterhielten.

In den folgenden Generationen wurde der Besitz mehrfach unter den Erben aufgeteilt. Die Burg Angern entwickelte sich dabei zu einem Ganerbenbesitz mehrerer Linien der Familie von der Schulenburg. Verschiedene Familienzweige besaßen gleichzeitig Anteile an der Burg und den zugehörigen Gütern, verfügten jedoch über eigene Wirtschaftshöfe und Einkünfte. Diese Form der gemeinschaftlichen Herrschaft prägte die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Angerns über Jahrhunderte und führte wiederholt zu Neuaufteilungen, Erbregelungen und Veränderungen der Besitzverhältnisse innerhalb der Familie.

1449

Der jahrhundertelange Streit zwischen Brandenburg und Magdeburg um die Lehnshoheit in der Altmark wurde am 12. November 1449 durch den Zinnaischen Vergleich beigelegt. Dabei wurde die Zugehörigkeit Angerns zum Erzstift Magdeburg endgültig bestätigt. Die bereits seit dem 14. Jahrhundert bestehende Bindung der Burg an die magdeburgische Landesherrschaft erhielt damit eine dauerhafte rechtliche Grundlage. Mit der Säkularisation des Erzstifts im Jahr 1680 fiel das Gebiet als Herzogtum Magdeburg an Brandenburg-Preußen und wurde 1816 Bestandteil der preußischen Provinz Sachsen.

Zum Rittergut Angern gehörten seit dem 15. Jahrhundert die Dörfer Angern mit dem Vorwerk Vergunst sowie Wenddorf. Hinzu kamen die wüsten Feldmarken Kastel, Palnitz und Mackedal, später auch Bülitz und die Wüstung Hörsicht. Der Besitzkomplex bildete die wirtschaftliche Grundlage der Herrschaft Angern und wurde in den folgenden Jahrhunderten mehrfach erweitert. Zeitweise wurden von Angern aus auch weiter entfernte Güter und Besitzungen verwaltet, darunter Kehnert, Hohenwarsleben, Schricke, Farsleben, Detzel, Ramstedt und Itz.

Die schriftliche Überlieferung zum Dorf Angern bleibt für das späte Mittelalter vergleichsweise spärlich. Die Quellen erwähnen überwiegend die Burg und die Besitzerfamilien. Erst seit der Mitte des 16. Jahrhunderts liegen regelmäßigere Nachrichten über die Dorfgemeinschaft vor. Im Zusammenhang mit den ersten lutherischen Kirchenvisitationen der Jahre 1562 bis 1564 tritt Angern deutlicher in Erscheinung. Bereits für 1558 sind 56 Familien im Dorf nachweisbar, was auf eine für die Region beachtliche Siedlungsgröße schließen lässt.

1477

Das Dorf Briest wird im Jahr 1448 als zur Herrschaft Angern gehörig erwähnt. Bereits 1477 erscheint es in den Quellen als „Dorfstätte Briest“ und war damit offenbar bereits wüst gefallen. Der Zeitpunkt und die Ursachen der Aufgabe sind nicht bekannt. Wie zahlreiche andere mittelalterliche Wüstungen der Region verschwand Briest vermutlich im Zuge demographischer, wirtschaftlicher oder siedlungsgeographischer Veränderungen des Spätmittelalters.

Aufgrund seines Namens wird häufig eine slawische beziehungsweise wendische Herkunft der Siedlung angenommen. Der Ortsname dürfte auf ältere slawische Siedlungsstrukturen in der Elbe-Ohre-Region verweisen, die noch lange nach der deutschen Ostsiedlung im Landschaftsbild und in den Flurnamen sichtbar blieben.

Die Wüstung Briest steht beispielhaft für die tiefgreifenden Veränderungen der mittelalterlichen Siedlungslandschaft. Während einige Orte aufgegeben wurden, entwickelten sich andere – darunter Angern und Wenddorf – zu dauerhaften Siedlungszentren. Ob ehemalige Bewohner von Briest in diese Nachbarorte übersiedelten, lässt sich heute nicht mehr nachweisen.

An der Chaussee nach Rogätz erinnert die Flurbezeichnung „Alte Dorfstätte“ möglicherweise an eine frühere Siedlung. Wiederholt wurden dort Mauerreste und andere Spuren älterer Bebauung beobachtet. Ob es sich dabei um das mittelalterliche Briest oder um eine andere, bislang nicht eindeutig identifizierte Siedlungsstelle handelt, ist gegenwärtig ungeklärt.

Die Geschichte Angerns reicht von den ersten nachweisbaren Siedlungen bis in die Gegenwart. Die folgenden Kapitel geben einen chronologischen Überblick über die Entwicklung von Dorf, Burg, Schloss, Park und Familie von der Schulenburg.