Im Erdgeschoss des Palas der Burg Angern hat sich ein ungewöhnlich komplexer baulicher Befund erhalten, der auf eine differenzierte innere Erschließungsstruktur innerhalb der Hauptburginsel hinweist (siehe Hauptburg: Geknicktes inneres Erschließungssystem). Der Befund besteht aus einem tonnengewölbten, abgewinkelten Verbindungsgang zwischen mehreren Gewölberäumen und besitzt aufgrund seiner konstruktiven Geschlossenheit, seiner statischen Organisation sowie seines Erhaltungszustandes besondere bauhistorische Bedeutung. Vergleichbare geknickte Binnenerschließungen sind innerhalb norddeutscher Niederungsburgen bislang nur selten dokumentiert. Der Befund von Angern erlaubt daher wichtige Rückschlüsse auf die innere Organisation hochmittelalterlicher Burganlagen im norddeutschen Raum.

Querschnitt des Palas Angern mit erhaltenem geknicktem Erschließungssystem (rechts).
Das Gangsystem verbindet mehrere tonnengewölbte Räume miteinander und besitzt keine direkte Sichtachse zwischen Ein- und Ausgang. Die Wegeführung erfolgt über eine ausgeprägte Richtungsänderung innerhalb eines massiv ausgeführten Zwischenwandkörpers. Bereits beim Betreten des Ganges wird die Bewegungsrichtung umgelenkt, wodurch die angrenzenden Räume nicht unmittelbar einsehbar sind.
Die Ausbildung erinnert funktional an sogenannte „dog-leg passages“ mittelalterlicher Architektur, wie sie vereinzelt innerhalb von Toranlagen, Turmerschließungen oder Klosterbauten nachgewiesen sind. Vergleichbare geknickte Zugangssysteme treten innerhalb hochmittelalterlicher Wehrarchitektur insbesondere dort auf, wo Bewegungsabläufe bewusst kontrolliert, verlangsamt oder räumlich segmentiert werden sollten.
Der Gang ist vollständig tonnengewölbt und teilweise innerhalb der westlichen Außenmauer des Palas geführt. Die Gewölbe bestehen aus kleinformatigen Ziegeln, während die Wandkörper überwiegend aus Bruchstein- und Feldsteinmauerwerk ausgeführt sind. Die Übergänge zwischen Gewölbeansätzen, Wandflächen und Gangführung wirken konstruktiv geschlossen. Hinweise auf sekundäre Durchbrüche, nachträgliche Verbreiterungen oder tiefgreifende Umbauten sind bislang nicht eindeutig erkennbar.
Besonders bemerkenswert erscheint die enge Verzahnung von Tragstruktur und Wegeführung. Der massive tragende Zwischenwandkörper wirkt nicht wie ein sekundärer Einbau, sondern als integraler Bestandteil des ursprünglichen Baukonzeptes. Die Wegeführung wurde offenbar nicht frei innerhalb eines offenen Raumes angelegt, sondern unmittelbar durch die statische Organisation der Gewölbeanlage bestimmt.
Die geknickte Wegeführung steht damit offenbar in engem Zusammenhang mit der statischen Organisation des Gewölbesystems. Der Verbindungsgang wurde um einen massiven tragenden Zwischenwandkörper herumgeführt, der als Widerlager der Gewölbeschübe diente. Die funktionalen Eigenschaften der Passage – insbesondere die Unterbrechung direkter Sichtachsen sowie die kontrollierte Bewegungsführung – dürften sich teilweise unmittelbar aus dieser konstruktiven Organisation ergeben haben.
Die angrenzenden Tonnengewölbe laufen direkt in den massiven Wandkörper ein, der offenbar als Widerlager für seitliche Schubkräfte dient. Die Binnenerschließung wird dadurch räumlich und konstruktiv wesentlich durch die Tragstruktur bestimmt. Die Kombination aus gedrückten Gewölben, massiver Zwischenstruktur sowie teilweise innerhalb der Außenwand geführter Passage spricht für eine statisch bewusst organisierte Konstruktion. Die Kombination aus Bruchsteinmauerwerk und ziegelgeführten Gewölbezonen entspricht einer Mischbauweise („opus mixtum“), wie sie innerhalb hoch- und spätmittelalterlicher Burgarchitektur Norddeutschlands häufiger nachweisbar ist.

Zwischenwandkörper zwischen den beiden nördlichen Gewölben mit opus mixtum.
Die konstruktive Geschlossenheit der Gewölbeanlage, die enge Verzahnung von Tragstruktur und Gangführung sowie die Materialkombination aus Bruchsteinmauerwerk und ziegelgeführten Gewölben sprechen eher für eine ältere Bauphase innerhalb des Palas. Besonders bemerkenswert erscheint dabei das weitgehende Fehlen sekundärer Eingriffe innerhalb der sichtbaren Gewölbestruktur. Hinweise auf nachträgliche Durchbrüche, konstruktive Brüche, Verbreiterungen, sekundäre Gewölbeansätze oder neuzeitliche Spoilenbildungen sind bislang nicht eindeutig erkennbar. Auch die Übergänge zwischen Gewölbeansätzen, Wandflächen und Gangführung wirken konstruktiv geschlossen und vermitteln den Eindruck einer weitgehend einheitlichen Bauorganisation. Die Kombination aus Bruchsteinmauerwerk, gedrückten ziegelgeführten Tonnengewölben sowie massiven überwölbten Erdgeschosszonen entspricht grundsätzlich hoch- bis spätmittelalterlichen Konstruktionsprinzipien norddeutscher Burgarchitektur. Eine Datierung der Gesamtanlage in das 14. Jahrhundert erscheint daher grundsätzlich plausibel, lässt sich auf Grundlage der derzeitigen Befundlage jedoch nicht abschließend sichern.
Die geknickte Binnenerschließung deutet auf eine deutlich differenziertere innere Raumorganisation des Palas hin, als sie bei kleineren norddeutschen Niederungsburgen häufig angenommen wird. Die Wegeführung dürfte der bewussten Unterbrechung direkter Sicht- und Bewegungsachsen gedient haben. Dadurch konnten Zugänge kontrolliert, Bewegungsabläufe verlangsamt und einzelne Funktionsbereiche voneinander getrennt werden.
Die niedrige, massive Gewölbeform sowie die geringe Belichtung sprechen insgesamt eher für Lager-, Wirtschafts- oder Versorgungsfunktionen innerhalb der Kernburg als für repräsentative Nutzung.
Gleichzeitig besitzt die Passage wahrscheinlich auch bauphysikalische Bedeutung. Die räumliche Umlenkung des Zugangs könnte den direkten Luftaustausch zwischen Außenraum und den tonnengewölbten Innenräumen reduziert haben. In Verbindung mit den starken Wandquerschnitten, den gedrückten Gewölben und der weitgehend geschlossenen Bauweise dürften dadurch vergleichsweise konstante Temperatur- und Feuchteverhältnisse entstanden sein.
Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang auch die Lichtführung innerhalb des Gewölbesystems. Die seitlich versetzte Stellung der Fensteröffnungen liegt annähernd in Flucht mit Ein- und Ausgang der Passage. Obwohl der Gang selbst fensterlos ist, könnte dadurch indirektes Tageslicht in die Eingangsbereiche gefallen sein, ohne stärkere Luftzirkulation zu erzeugen.
Die klimatischen Eigenschaften des Gewölbesystems dürften wesentlich zur Nutzung der Räume beigetragen haben. Durch massive Wandstärken, vollständige Überwölbung und reduzierte Belüftung entstand innerhalb der Gewölbezonen ein vergleichsweise konstantes und kühles Raumklima, das in Teilen bis heute nachvollziehbar ist. Die unmittelbare Nähe zum Wassergraben sowie die weitgehend geschlossene Bauweise dürften zugleich dauerhaft erhöhte Feuchteverhältnisse innerhalb der Erdgeschosszone begünstigt haben.
Innerhalb mittelalterlicher Wasserburgen besaßen solche Räume erhebliche praktische Vorteile. Die konstanten Temperatur- und Feuchteverhältnisse begünstigten die Lagerung empfindlicher Vorräte und reduzierten zugleich die Auswirkungen äußerer Witterungseinflüsse auf die innere Bausubstanz. Auch die Aufbewahrung von Ausrüstung oder wehrbezogenen Materialien kann aufgrund der Lage innerhalb der Kernburg nicht ausgeschlossen werden.
Die massive Gewölbe- und Mauerstruktur reduzierte nicht nur Luft- und Rauchströmungen innerhalb des Systems, sondern dürfte zugleich wesentlich zur hohen Widerstandsfähigkeit der Erdgeschosszone gegenüber den Brandereignissen des Dreißigjährigen Krieges beigetragen haben.
Die fehlende lineare Sichtachse innerhalb der Passage besitzt vermutlich nicht nur funktionale, sondern auch sicherungstechnische Bedeutung. Durch die Richtungsänderung wurde ein unmittelbares Eindringen in die angrenzenden Räume erschwert. Während vergleichbare Systeme im Bereich von Toranlagen oder Turmerschließungen häufiger auftreten, erscheint ihre Ausbildung innerhalb einer vollständig überwölbten Erdgeschosszone eines norddeutschen Palas vergleichsweise ungewöhnlich. Der Befund verweist insgesamt auf eine konstruktiv und funktional deutlich differenziertere Binnenorganisation innerhalb hochmittelalterlicher Niederungsburgen.
Vergleichbare geknickte Binnenerschließungen innerhalb norddeutscher Niederungsburgen sind bislang nur selten dokumentiert. Der Befund von Angern besitzt daher nicht nur regionalgeschichtliche, sondern möglicherweise auch überregionale Bedeutung für die Erforschung hochmittelalterlicher Binnenorganisation wasserumwehrter Burganlagen.